Küchenschrank und Kühlschrank

In Prag wurden von 13. auf 14. März über Nacht alle Restaurants und Cafés geschlossen. Es war vorhersehbar, kam aber dann doch sehr plötzlich. Veranstaltungen wurden bereits davor abgesagt. Ich wollte am 14, das war ein Samstag, noch auf einen Kaffee gehen, daraus wurde nichts mehr. Es wird auch noch ein bisschen dauern, bis das möglich wird. Ich traf mich an dem Tag dann mit meiner Freundin A., die ich seitdem nicht mehr gesehen habe – und kaufte mir ein Sandwich, das war das letzte Mal, dass ich nicht zu Hause gegessen habe. A. ist in der Woche drauf zu ihren Eltern nach Deutschland gefahren und dort quasi gefangen – ohne die tschechische Staatsbürgerschaft darf man nämlich während des Notstands, der inzwischen bis 17. Mai verlängert wurde, nicht mehr einreisen. Mit ihr war ich zu Beginn des Lockdowns oft in Kontakt, um sich über die Nachrichten auszutauschen. Es fühlte sich an, als änderte sich jede Stunde etwas, wenn auch nur die Zahl der Neuinfektionen. Ende Februar oder Anfang März schrieb ich A., dass ich eigentlich nichts gegen eine Ausgangssperre hätte, ich sei ohnehin gerade gern zu Hause und hätte so viele Vorräte, die sich in meiner Küche angesammelt haben und die ich dann endlich mal verwerten könnte. Hamsterkäufe waren also nicht wirklich notwendig, ich hatte mich schon stufenweise und ganz ungewollt mit Linsen, Reis, Getreide, Nüssen und anderen haltbaren Lebensmitteln „eingedeckt“. An einem der ersten Tage durchforstete ich die Küchenschränke und machte eine Art Inventur, ich konnte mich freilich nicht an jedes Glas, nicht an jede Dose erinnern, die ich da verstaut hatte. Um nicht alles wieder zu vergessen, machte ich sogar eine Liste, auf der ich die Lebensmittel schrieb, die sich im jeweiligen Schrank befanden, um sie nicht zu vergessen. Denn die Schränke sind tief und das, was weit hinten steht, wird schnell vergessen.

Einen Abend verbrachte ich auch damit, den Kühlschrank zu putzen, der zur Zeit immer ziemlich voll war, erstens, weil er klein war, zweitens, weil ich alles frische Gemüse, und davon habe ich zur Zeit einfach mehr, dort lagere. Ich hörte dabei ein Interview mit der tschechischen Schriftstellerin Radka Denemarková, die sich zur Corona-Krise äußerte, und trank zwei Gläser Sekt – ebenfalls einer der Vorräte meiner Küchen-Schatzkammer. So wurde die Sache zu einer ganz angenehmen Angelegenheit, und endlich war es auch dort etwas übersichtlicher.

Im Kühlschrank befanden sich auch 3 x 200 g französischer Ziegenkäse, den ich im Februar aus Paris mitgebracht habe und beim nächsten Besuch in Österreich meinen Verwandten schenken wollte; und eine Packung tschechischer Camembert, Hermelín, den ich für meinen Freund gekauft habe, der eigentlich am Wochenende der Grenzschließung nach Prag kommen wollte. Besuche sind keine möglich. Nach Österreich und auch in ein anderes Land werde ich sobald nicht kommen. Aber es bleibt mir wohl nichts übrig, als den ganzen Käse selbst zu essen. Dabei esse ich sonst kaum Käse, mein Essen ist zum Großteil vegan.

 

Prag, April 2020

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