Gerüche jenseits der Grenze

 

November 2017.

Letztes Wochenende war ich mit zwei Freundinnen in der Nähe von Prag wandern. Wir kamen durch ein Dorf, und ich bemerkte einen unangenehmen Geruch, er hatte etwas Öliges, ich machte die beiden darauf aufmerksam. Dieser Geruch entstehe durch das Heizen, meinten beide. Anna, die in Deutschland aufgewachsen ist, erzählte, dass sie das als Kind immer gerochen hatte, als sie in Tschechien war, und nie nach Tschechien wollte, weil es da immer so gestunken hatte. Auch Marie, die aus Frankreich hierher gezogen war, meinte, diesen Geruch kenne sie nur aus Tschechien.

Ich war erstaunt, da ich – wie Anne – auch im Grenzgebiet aufgewachsen bin, und nach der Öffnung der Grenze mehrmals in Tschechien war, aber diesen Gestank nicht kannte. Ich roch ihn hier zum ersten Mal. Vielleicht lag das auch daran, dass wir immer nur im Frühling oder Sommer Ausflüge gemacht haben – mit meinen Eltern waren wir in Krumlov, Hluboka, Budějovice. Für Anne war dieser Geruch das, was aus den ersten Erfahrungen, den ersten Kontakten mit dem Nachbarland blieb. Meine Kindheitserinnerungen an Tschechien sind ziemlich verschwommen, ich erinnere mich noch, dass wir, also meine Eltern, meine Schwester und ich mit Oma, Tante und Cousine einmal in Krumau waren und in einem Café gelben Saft – vermutlich Orangensaft – getrunken haben, aus schmalen Gläsern, mit gelben Strohhalmen und Dekoration. Und dass ich danach mit dem Schirm meiner Tante spaziert bin und ihn am Kopfsteinpflaster kaputt gemacht habe. Meine Eltern waren böse auf mich, ich weiß nicht, ob sie mit mir schimpften, aber sie und auch meine Tante erwähnten danach ein paar Mal, dass ich den Schirm kaputt gemacht habe. Das ist wohl die früheste Erinnerung an Tschechien, die ich so klar vor mir habe. Ob das der erste Besuch in dem „neuen“ Land in unserer Nähe war, weiß ich aber nicht. Meine anderen Erinnerungen an Tschechien, und an die damalige Tschechoslowakei, sind weniger konkret. Ich erinnere mich an verfallene Häuser, eckige Autos (meine Schwester und ich nannten sie manchmal tschechische Autos, wenn wir verschiedene Autos zeichneten) und die Stimmung, die im Auto herrschte, wenn wir über die Grenze fuhren. Aufregung, Angst vor der Fremde, Angst, dass doch etwas passieren könnte. Meine Eltern hatten Angst vor Taschendieben, vor Autodieben, vor Betrügern. Sie waren sehr vorsichtig dabei, wo sie das Auto parkten und passten gut auf ihre Taschen auf. Die Atmosphäre wäre eine ganze andere gewesen, hätten wir einen Ausflug irgendwo in Österreich gemacht. Meine Schwester und ich waren auch zurückhaltender, vorsichtiger. Ich erinnere mich an unseren ersten Besuch in Prag, das war 1997, Mitten im Sommer, es war unendlich heiß, und ich bekam eine Dose Cola, weil ich Durst hatte. Ich sollte sie mit meiner Schwester teilen, und sie trank ganz anders aus dieser Dose als ich, und als sie sonst bestimmt auch trinken würde. Sie legte die Lippen nicht an den Rand, sondern nur auf die Öffnung, die vermutlich weniger fremde Hände berührt hatten, wo vermutlich auch weniger Schmutz war. Ob sie Angst hatte, dass diese Dose – weil wir sie in diesem Land und nicht nicht in Österreich oder Deutschland, wo wir zuvor auf Urlaub waren, gekauft hatten – schmutziger sei? Ich dachte mir es damals. Vielleicht hab sogar ich diese spezifische Trinkweise entwickelt und meine Schwester machte es mir dann nach … Meine ersten Erinnerungen an Tschechien zeigen mir, dass ein gewissen Unbehagen herrschte – und meinerseits auch viel Unwissen und Unverständnis, das sich freilich Ende der neunziger Jahre langsam klärte. Aber „die Tschechen“ waren anders, darüber herrschte in meiner Heimatstadt, unweit der Grenze, mit etwa 8.000 Bewohner_innen, ein gewisser Konsens. Mich hat wohl diese Andersartigkeit fasziniert, die Tatsache, dass es nach 20 km ein Land gab, in dem alles ganz anders war: andere Häuser, andere Autos, andere Menschen, eine andere Sprache und eine andere Geschichte. Diese Faszination hat schließlich auch dazu geführt, dass ich mit 17, 18, kurz vor der Matura, oft nach Tschechien gefahren bin und mich letztendlich auch dazu entschieden habe, Slavistik mit dem Schwerpunkt Bohemistik zu studieren. In Wien, um dann auch ein Jahr in Prag verbringen zu können. Wo ich mittlerweile lebe.

Ich hab eine kleine Wohnung mit Gaskonvektorheizung, sowas hatte ich auch in Wien. Es stinkt nicht, wenn ich heize, in meinem Viertel riecht es im Winter sogar meist sehr gut draußen – nach Holz, das verbrannt wird, manchmal auch nach Kaffee, den in der Nähe befindet sich eine kleine Kaffeerösterei. Marie meinte, dass sie diesen komischen Heizungsgestank auch nur mehr selten rieche, dass er schon weniger wurde, und meist nur mehr auf dem Land zu finden sei.

 

 

 

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